#1 In memoriam KARL WOHLFAHRT von KICKNEWS 30.09.2013 10:37

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Durch Zufall fand ich im September 2013 im web folgende Meldung:

KARL WOHLFAHRT
geboren am 28.04.1952,
ist am 23.11.2012 verstorben


Das war eine sehr traurige Nachricht, denn Karl Wohlfahrt war tatsächlich so ziemlich der beste Taekwondo-"Kämpfer", den man in Deutschland bisher erleben konnte.

Dieser Sport hat keine echte Tradition und auch solch eine Nachricht sagt vielen mit Sicherheit rein gar nichts. Denn sie kannten Karl Wohlfahrt vermutlich kaum und haben ihn wahrscheinlich auch nie kämpfen gesehen.

Es gibt und gab natürlich noch andere TKD-Kämpfer, besonders in den „alten“ Zeiten, wo einige nicht nur besondere Kampfstärken aufzuweisen hatten, sondern auch noch einen jeweils sehr eigenen Kampf-Charakter.
In beiden Punkten war Karl Wohlfahrt im direkten Vergleich was ganz Besonderes – nun ist er mit nur 60 Jahren von einer lebenden Legende zu einer wirklichen Legende geworden.

Seine Einstellung zum Taekwondo-Kämpfen kannte ich sehr genau, denn ich war mit ihm (auf der Trainerebene) immer sehr freundschaftlich verbunden.
Aber leider, wie so oft in diesem Sport, ging der Kontakt irgendwann verloren.

Drei Ereignisse mit Karl sind mir in sehr starker Erinnerung und die will ich an dieser Stelle einmal schildern. Sagt vielleicht mehr als eine salbungsvolle Ehrenrede.

Bei einer "Internationalen Deutschen Meisterschaft", das war in den guten alten 80er-Jahren kurz nach Neugründung der DTU, da war etwas zu erleben, was man in der olympischen Zeit heute vermutlich vergeblich sucht.

Immer wenn Karl Wohlfahrt einen Kampfaufruf hatte, strömten die Zuschauer reihenweise von den beiden anderen Kampfflächen weg. Dann zückten einige die Stoppuhr und guckten, wann es wieder soweit sein würde, denn 4 von 5 Kämpfen bei diesem Turnier gewann Karl vorzeitig durch k.o.

Es war gelinde gesagt, irgendwie spannend, ein Augenschmaus für Kenner und (leider) etwas schmerzhaft und frustrierend für die Gegner, die allesamt mehr oder weniger deutlich chancenlos blieben.
Unter den „Opfern“ von Karl Wohlfahrt damals auch ein später, in Fachkreisen, nicht unbekannter Name = Georg Streif, der seinerzeit ebenfalls blitzschnell ausgeknockt wurde. Dazu gab´s noch ein schönes Pressefoto, auf dem die Freundin entsetzt die Hände vor dem Gesicht hatte.

Das zweite denkwürdige Ereignis mit Karl Wohlfahrt hatte ich 1982 bei der ETU-Europameisterschaft in Rom, die auch aus anderen Gründen unvergesslich bleiben wird.
Von meinem eigenen Verein waren damals 2 Nationalkämpfer mit dabei und Dorothea erlebte eine böse unerwartete Niederlage, die uns damals schwer zu schaffen machte.

Das strahlende Licht bei diesem Turnier war aber niemand anderes als Karl Wohlfahrt.
Er fiel schon in der Vorbereitung auf die Meisterschaft aus dem Rahmen, denn er hatte sich aus seinem Verein extra einen Trainingspartner nach Rom mitgebracht und wenn die anderen Wettkämpfer im Hotel abends an der Tafel sassen – dann hängte er noch ein Stunde Extra-Training ran. Zu essen gab´s für ihn danach immer nur einige Blätter Salat und einen Haufen Pillen aus einem mitgebrachten Alu-Koffer.

Denn er musste noch gut 6 Kilo abtrainieren für seine damalige Gewichtsklasse.
Was er zum Schluss auch geschafft hatte und alle konnten nur staunen, wie das vonstatten ging. Er bekam in der Mannschaft den Spitznamen „die Mumie“ und das traf es wohl ziemlich genau.

Ja – und mal wieder der „Kämpfer“ Wohlfahrt – bei dieser Europameisterschaft.

Sein Finalgegner aus den Niederlanden – da habe ich den Namen leider schon vergessen. Der war eine echte Kampfgranate, der in den Vorrunden alle seine Kontrahenten durch den Saal prügelte.
Wir haben damals überlegt, wie soll der Karl den im Finale schaffen, weil er vorher so intensiv abtrainieren musste. Reicht die Puste überhaupt für 3 lange Runden ?

Das Finale war dann aber genau andersrum als alle vermutet hatten.
Von Verteidigung keine Spur, Karl Wohlfahrt trieb den Niederländer geradezu vor sich her.
Zumindestens nach Punkten wurde der ziemlich vermöbelt und zwar genauso, wie er selbst vorher in der Vorrunde zu begeistern wusste. Karl Wohlfahrt -Europameister 1982.

Ich werde nie vergessen, wie er nach der Bekanntgabe des Ergebnisses alle abgeküsst hat, die er in der Halle packen konnte. Den Gegner, den Kampfleiter, mich hat er auch geknutscht, vollgeschwitzt wie er war.

Genau so stelle ich mir richtigen Wettkampfsport vor – echte Emotionen eingeschlossen.

Und hinterher habe ich auch noch gesehen, wie grün und blau der gehauen war auf dem ausgemergelten Körper.

Mein letztes sportliches Erlebnis mit Karl Wohlfahrt gab´s dann viel später – bei einem der grossen Turniere in Iserlohn Ende der 90er-Jahre. Ich müsste erst recherchieren, wann das genau gewesen ist, entweder 1997 oder 1999 beim zweiten EURO-CUP.

Karl hatte sich bei uns in 3 Disziplinen angemeldet = beim TKD-Sparring, beim Formenlaufen und beim Bruchtest.

Sein Sohn war auch mit von der Partie beim Sparring, wo er in seiner Klasse Platz 1 gegen den Iserlohner C.Baroth belegte. Dieses Finale endet allerdings etwas unglücklich mit einem irregulären Angriff, zu dem es noch lange Diskussionen gab.

Karl Wohlfahrt trat nach meiner Erinnerung nur beim Formenlaufen und Bruchtest, aber nicht mehr beim Sparring an, bei dem er schon deutlich aus dem Leistungsalter raus war.

Sein Bruchtest klappte seinerzeit leider nicht. Insgesamt war es auch kein grosser Auftritt, aber ein wahrer Kämpfer, der ist eben immer nur einer unter vielen und muss sich dabei immer wieder neu beweisen.

Zum allerletzten Mal traf ich Karl Wohlfahrt dann einige Zeit später, rein zufällig, auf der Fitness-Messe FIBO. Dort erzählte er mir von einem Grosseinkauf von Trainingsausrüstung und von seinen Plänen mit einer Sportschule „Budo-Tempel Offenbach“ und wir wollten später deswegen in weitere Verbindung treten.
Was sich aber nicht mehr ergeben hat. Wie so oft im Leben.

Eingeweihte wissen, dass Karl Wohlfahrt nicht nur ein „Kämpfer“, sondern auch ein „Geschäftsmann“ gewesen ist und da eine ganz eigene Geschiche geschrieben haben soll. Mit diesem Part hatte ich persönlich am allerwenigsten bei ihm zu tun und im nachhinein interessiert es vermutlich sowieso niemand mehr.

Interessierte wissen aber auch, dass Karl Wohlfahrt einer von denen ist, der in seiner ursprünglichen Heimat „DTU“ und auch „WTF“ übelst an die Wand gefahren worden ist.

National bzw. für die Deutsche Nationalmannschaft wurde er später ganz einfach abgesägt, weil er angeblich für´s TKD-Kämpfen zu alt gewesen sein soll.
Die ganze windige Affäre damals erinnerte sehr an die Vorgänge 1988 und 1998 um einige andere Nationalkämpfer (aus meinem Verein in Iserlohn), z. B. Carlos Esteves und Dorothea Kapkowski. Genau da ging es ebenfalls nicht mehr um Leistung, sondern nur noch um Politik. Die von verlogenen und unehrlichen „Funktionären“.

Auf internationaler Ebene hat Karl Wohlfahrt ebenfalls seine ganz prägenden Erfahrungen gemacht, über die er mir im persönlichen Gespräch zu berichten wusste. Diese und ähnliche Stories mit „gekoreanerten“ Punkten und Ergebnissen kenne ich noch von anderen. Genau dabei wurde und wird immer wieder typische „Verbandspolitik“ wirksam.

Und wenn einer sowas kritisiert und nachfolgend seinerseits von Kritikern kritisiert wird, weil er sich traut, überhaupt was zu sagen – dann bleibt nur die Erinnerung an den Satz
„Der Finger, der auf den Mond weist, ist nicht der Mond selbst“

Als „Kämpfer-Denkmal“ mit nur 60 Jahren abgetreten, bleibt Karl Wohlfahrt eine einmalige Erscheinung und zumindestens einigen Leuten unvergesslich.

Wo immer Du sein magst, lieber Karl – ich wünsche Dir eine Runde mehr, falls Du die neuen Gegner da oben oder da unten nicht schon in der ersten alle k.o. gekriegt hast...

Gilbert Kapkowski

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